Save the Green Planet / Bugonia

written by malu winter

Die Erde ist flach, Atlantis hat es wirklich gegeben, Mark Zuckerberg ist ein Reptiloid und in Wahrheit sind wir als Menschheit, lediglich ein Experiment irgendeiner ausserirdischen Alienrasse. Die Weltelite hat sich entweder zusammen mit den Aliens gemein gemacht oder sie sind in Wahrheit selbst Aliens. Sie leben alle gemeinsam in der Mittelerde, führen dort ihren kriminellen Kindsentführer-Ring und trinken das Blut eben dieser Kinder um Unsterblichkeit zu erreichen. Chem-Trails existieren nur um uns alle zu manipulieren. 9/11 war ein Inside-Job und die Covid Pandemie wurde natürlich nur erfunden, damit der Staat, die Batterien der Tauben, welche uns in Wahrheit überwachen, austauschen kann. Ah, und Impfungen gibt es nur damit wir alle heimlich gechipt werden können. Wir alle haben diese oder ähnliche Schwurbeleien bestimmt schon das ein oder andere Mal gehört und diese mit einem müden Schulterzucken als pure Spinnereien abgetan und sogleich wieder vergessen. Was aber nun, wenn hinter all dem mehr Wahrheit steckt als wir denken?

Mit genau dieser was-wäre-wenn Fragestellung, stellen sich die beiden Filme über “Save the Green Planet” (2003) und “Bugonia” (2025). Da Bugonia ein Remake von Save the Green Planet ist, erübrigt es sich vermutlich zu erwähnen, dass die beiden Geschichten, welche die zwei Filme uns präsentieren sich sehr stark ähneln. Aber um was geht es denn genau? In beiden Filmen wird ein*e CEO (gespielt von Baek Yoon-Shik und Emma Stones) eines grossen Pharma-Konzerns von jeweils zwei Verschwörungstheoretiker*innen (Shin Ha-Kyun / Jesse Plemons und Hwang Jung-Min / Aidan Delbis) entführt, festgehalten und gefoltert. Ziel eben dieser Entführung ist es, die CEO, die in den Augen der Entführer*innen in Wahrheit eine Angehörige des Hofstaates einer Alienrasse aus unserer Nachbarsgalaxie Andromeda, ist, dazu zu bringen, Kontakt mit ihrem Mutterschiff aufzunehmen damit gemeinsam über den friedlichen Rückzug der Andromedaner von der Erde verhandelt werden kann. Zu Beginn der Filme begleiten wir die beiden Konspiraten, wobei hier erwähnt sein will, dass es bei der Figur von Su-Ni resp. Don um rückgratlose Mitläufer*innen handelt, bei ihren Vorbereitungen während wir durch Gegenschnitte einen Einblick in das Leben der jeweiligen CEO erhalten. An Tag X, wenige Tage vor der nächsten Sonnenfinsternis, ist es dann so weit und die beiden schreiten zur Tat. Obwohl sie sich dabei in beiden Fällen selten doof anstellen, gelingt es ihnen die Zielperson erfolgreich zu entführen. Was folgt ist dann eine Art psychologisches Kammerspiel. Wir sehen, wie das vermeintliche Alien befragt wird, wie sogenannte Tests an ihm/ihr durchgeführt werden, um sich von der Wahrhaftigkeit der eigenen Theorie zu überzeugen und erhalten einen tieferen Einblick in die Motive, welche unsere Protagonisten zu dieser irren Tat haben hinreissen lassen. Denn wir erfahren, dass die Mutter einer der beiden, dem Initiator der ganzen Aktion, aufgrund eines nicht näher spezifizierten Vorfalls in der Vergangenheit, bei welchem die Firma der CEO die Finger im Spiel hatte, aktuell im Koma liegt.

An dieser Stelle möchte ich gerne zum ersten Mal auf diesem Blog eine Spoilerwarnung aussprechen. Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass beide Filme ohne weiteres funktionieren, auch wenn man den Twist am Ende bereits kennt, möchte ich niemanden die Freude durch ein Vorwegnehmen eben dieses Twists, kaputtmachen. Ihr seid hiermit also gewarnt.

Relativ gegen Ende der Filme, gelingt den beiden CEO’s nämlich der Ausbruch, aus der Gewahrsam der beiden Schwurbler*innen und es stellt sich nach erfolgreicher Kontaktaufnahme mit ihren jeweiligen Mutterschiffen heraus, dass es sich bei den beiden Charakteren in Wahrheit tatsächlich um Ausserirdische handelt. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass die beiden Regisseure und weis machen wollen, dass all die unzähligen Verschwörungstheorien stimmen. Ganz im Gegenteil, die Filme fordern uns als Zuschauende viel mehr dazu heraus uns und unsere eignen Einstellungen sowie Werte- und Moralvorstellungen zu gewissen Themen kritisch zu hinterfragen und schafft es dabei gleichzeitig einen, grandiosen Kommentar auf grosse Konzerne und deren Einfluss auf unsere Welt zu machen. Lasst mich dies gerne ein wenig ausführen.

Mir, und ich denke ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster wenn ich behaupte, dass es vermutlich den meisten so ergehen wird resp. ergangen ist, schauen den Film mit dem ganz klaren Mindset, dass es sich hier um zwei Spinner*innen handelt, welche sich in einer Echokammer befinden, den Bezug zur Realität derartig verloren haben, dass sie sich sogar freiwillig für eine Sterlisierung entscheiden, sich irgendwelche wilden Theorien zusammengespinnt haben und eine unschuldige Führungsperson einer zufälligen Firma entführt haben. Wir solidarisieren uns also direkt mit den CEO’s und nehmen gewissermassen eine aufklärerische Rolle ein, in welcher wir versuchen, alles zu rationalisieren. Wissen wir doch allesamt, dass es keine Aliens, geschweige denn eine grosse durch sie orchestrierte Verschwörung, gibt. Warum aber stellen wir uns selbst auf dieses Podest des Besserwissens, geben uns beide Filme doch, vor allem zu Beginn, keinerlei Anhaltspunkte, dass dem denn so ist. Vermutlich weil wir es als angenehm empfinden die Schlauen zu sein. Diejenigen zu sein die Verstanden haben, wie die Welt funktioniert und wie sie aufgebaut ist. Wir diejenigen sind, die es, im Gegensatz zu den anderen, verstanden haben. Den Durchblick haben. Wie bereits erwähnt, erging es mir bei der ersten Sichtung ebenso. Erst bei der zweiten Sichtung wurde mir dann klar, dass der Film sich in Wahrheit nicht sonderlich viel Mühe macht, seinen Twist zu verbergen. Wenn man nämlich weiss, was einem erwartet, könnte man die Wendung, welche die Filme nehmen, durchaus vorhersehen. Vorhin habe ich gesagt, der Film gäbe einem keine Anhaltspunkte. Nun ja, ich habe mir hier die Freiheit genommen, etwas zu flunkern. Und ich vermute stark, dass niemand von euch meiner Aussage misstraut hat, einfach weil wir, als Menschen, gerne dazu tendieren, dem Glauben zu schenken, das besser in unser Weltbild und zu unserer bereits existierenden Meinung passt.

Während «Save the Green Planet» durch und durch ein etwas trashig daherkommender B-Movie ist, nimmt sich Bugonia dann doch schon deutlich ernster und schlägt daher auch einen ernsteren Ton an. Damit will ich nicht sagen, dass «Save the Green Planet» keiner ernstzunehmender Film sei, haben sie doch am Ende des Tages, beide zu gleiche Botschaft, aber Bugonia, hat für mich durch seine Inszenierung und seine etwas geerdetere Tonalität, etwas mehr hergegeben. Vor allem die Dynamik während der Gefangenschaft hat mich in Bugonia mehr überzeugt. Es ist bemerkenswert, wie Michelle (Emma Stones) obwohl sie allein bereits der Tatsache verschuldet, dass sie mit einem rasierten Schädel, halbnackt in einem Keller an eine Liege gekettet ist, sich definitiv in der schwächeren Position befinden müsste, während dem gesamten Film die komplette Kontrolle über die Situation zu behalten scheint. Sie lenkt die Gespräche stets in die Richtung, welche für sie von Vorteil zu scheinen sind. Sie konfrontiert ihre Entführer immer wieder direkt. Zu Beginn streitet sie alles ab. Sobald sie feststellt, dass sie dieses Verhalten nicht aus ihrer misslichen Lage bringen wird, beginnt sie damit so zu tun, als ob sie ein Alien sei, in der Hoffnung das dieses Miemenspiel ihre beiden Entführer zufriedenstellen würde, nur um am Ende dann mit voller Überzeugung zu verkünden, dass die beiden bereits die ganze Zeit Recht gehabt haben, was die beiden jungen Männer wiederum beinahe zu überfordern scheint. Nicht nur ist sie in der Lage die Gespräche zu steuern, sie bringt Don (Aidan Delbis) dazu sich das Leben zu nehmen und Teddy (Jesse Plemons) sogar dazu, ihr zu glauben, dass seine Mutter und das Koma, in dem sie sich befindet, lediglich Teil eines grossangelegten Experiments sei, welches er sofort abbrechen könne, indem er seiner Mutter denn nur die Flüssigkeit aus einem Kanister aus ihrem Auto, verabreichen würde. Bei der letzten Konfrontation der beiden, nachdem die Mutter durch den Aberglauben ihres Sohnes verstorben ist, wendet sich die Dynamik dann vollends und man stellt fest, dass die beiden zu keiner Sekunde auch nur den Hauch einer Kontrolle über diese gesamte Situation innehatten.

Interessant finde ich auch die Aspekte, in welchen sich die beiden Werke unterscheiden. Den grössten Unterschied konnte ich bei der Aufmerksamkeit, die die beiden Regisseure der Storyline rund um die Ermittlung zuschreiben, erkennen. In «Save the Green Planet» bekommen wir einen relativ umfangreichen und auch spannenden Einblick in die Arbeit der Polizei. Wir sehen, wie sich innerhalb des Polizeiapparates kleine Feindschaften abzeichnen, welche sich für den Verlauf der Ermittlungen alles andere als hilfreich erweisen. Einer der Kommissare, besucht sogar getarnt als verirrter Wanderer den Hof, auf dem Lee lebt, verbringt dort eine Nacht und enttarnt diesen am Ende beinahe, bevor er von Lee ermordet wird. Der Besuch im Haus der Entführer hat auch in Bugonia Einzug gefunden, jedoch existiert dort, zwischen Teddy und dem ortsansässigen Dorfpolizisten Cassey (Stavros Halkias) bereits eine Art «Näheverhältnis». Der Film deutet nämlich an, dass sich Cassey als er und Teddy jünger waren, sich an ihm vergriffen hat. Cassey, welcher als sehr reumütig und unsicher dargestellt wird, ist so sehr darauf bedacht, von Teddy eine Art Absolution für das Vergangene zu erhalten, dass er den eigentlichen Grund seines Besuchs vollkommen zu vergessen scheint. Aber auch er wird den Besuch nicht überleben. Eine weitere Differenz der beiden Filme ist die Imkerei. Auch Lee, so zeigt es uns der Film ist Imker. Während dies bei «Save the Green Planet» aber eher eine bedeutungslose Randinformation bleibt, nehmen die Bienen, die Imkerei und das Bienensterben, gemäss Teddy natürlich verursacht durch die Andromedaner, eine sehr grosse Rolle ein. Nicht nur entledigt er sich Cassey in dem er die Bienen auf ihn hetzt, auch scheint, Michelles Rolle im Bienensterben ein Faktor bei der Entscheidung sie zu entführen gespielt zu haben. Dass die Bienen in Lantimos’ Film eine wichtige Rolle einnehmen werden, könnte man aber bereits dem Titel entnehmen, bedeutet Bugonia doch etwa so viel wie «vom Ochsen geboren» und beschreibt einen antiken Glauben daran, dass aus einem toten Ochsen, Bienen entstehen können.

Lantimos gelingt es meiner Ansicht nach besser, einen sozialkritischen Kommentar auf unsere heutige Welt zu treffen, als es «Save the Green Planet» vermag. Natürlich ist dies, auch der Tatsache geschuldet, dass rund 20 Jahre zwischen den beiden Filmen liegen und sich unsere Welt, wie wir alle tagtäglich feststellen müssen, in dieser Zeit doch stark verändert hat. Und dennoch hat mich beispielsweise, der Beginn des Films mit seinem zynischen Ton sehr unterhalten. Wir sehen Michelle, wie sie entnervt ab diesen mühseligen und lästigen Aufgaben, gerade einen Werbeslogan für mehr Diversity und eine gesündere Work-Life Balance in ihrer Firma einspricht und sich immer und immer wieder an derselben Stelle verhaspelt und dann die Person hinter der Kamera fragt, ob sie die Sprache im Clip, nicht etwas diversifizieren könnten. Beim Verlassen des Gebäudes, meint sie zum Portier, dass er gerne, gemäss der neuen Unternehmenskultur früher Feierabend machen solle. Aber natürlich nur wenn alles erledigt sei, den schliesslich müsse die Firma ja weiterhin Gewinn abwerfen. Endgültig unterstreicht wird all dies, in der Szene, in welcher wir erfahren, dass Teddy selbst für eben diese Firma, welche seiner eigenen Auffassung nach, das Leben seiner Mutter auf dem Gewissen hat und von einer Inkognito-Andromedanerin geführt wird, arbeitet. Eine Dissonanz mit welcher sich viele von uns tagtäglich herumschlagen müssen und die wir alle zu einem gewissen Masse aushalten zu lernen müssen, oder?

Zu guter letzt möchte ich noch kurz explizit auf die schauspielerische Leistung von Emma Stones eingehen, welche mich besonders beindruckt zurückgelassen hat. Die Tatsache, dass Emma Stones, in der Rolle als CEO resp. als Gefangene, in mir bei weitem ein stärkeres Gefühl von Unwohlsein ausgelöst hat, als in der letzten Sezen, in der wir sie als Königin der Andromedaner zu sehen bekommen, hat mich fasziniert. Aber eigentlich ist dies kein Wunder, ist doch das Costume Design der Andromedaner alles andere als bedrohlich. Als CEO hingegen ist sie eine eiskalte, berechnende und skrupellose Frau, die vor nichts zurückschrecken würde, um Erfolg zu haben. Hier können wir uns nun die Frage die stellen, ob es denn wirklich notwendig ist, sich Geschichten über eine in der geheimen agierenden Weltelite auszudenken und diese mit den abstrusesten Details auszuschmücken, liegt die Wahrheit doch so offenkundig vor uns. Natürlich gibt es eine Art Elite in der Gesellschaft, in welcher wir leben. Nur ist diese nicht geheim und gibt sich auch nicht sonderlich viel Mühe, um ihren Einfluss auf und über uns alle zu verbergen. Wir kennen ihre Namen allesamt und ihre Firmen sogar noch besser. Wir alle sind uns grundsätzlich über ihre Macht im Klaren, verdrängen dies aber immer wieder gerne gekonnt. Wozu brauchen wir in einer Welt, in welcher Milliardäre ohne Moral und Ethik existieren also überhaupt noch Aliens?